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Fotos: Lucke

Toleranz auf Niederländisch

Am Amsterdam Centraal, dem Hauptbahnhof der Grachtenstadt, ist es still. Menschen mit Kaffee in Pappbechern hasten vorbei, Musiker spielen ihre Stücke, Eiligkeit liegt in der Luft. Und doch ist es ruhig – verglichen mit deutschen Bahnhöfen dieser Tage, in denen sich hunderte Flüchtlinge drängen, mit der Hoffnung auf ein besseres Leben.

 

Etwas weiter südlich vom Hauptbahnhof pulsiert Amsterdams Stadtleben. Glitzernde Fahrradschlangen drängen sich durch das wuselige Zentrum. Wer durch eine kleine überdachte Gasse am Oudemanhuispoort geht, vorbei an dutzenden Ständen mit alten und teils recht abgegriffenen Büchern, der tritt in den offenen und hellen Hof eines der ältesten Campus der Universiteit van Amsterdam und atmet plötzlich Ruhe. Hier kommen Robin, Anouk und Mirte gerade aus einer Vorlesung. Die Mittagssonne verwöhnt sie heute, nach einigen Tagen grauen Regens.

„Wenn wir in der letzten Zeit miteinander sprechen, dann landen wir früher oder später immer beim Thema Flüchtlinge“, sagt Mirte.

„Wir haben hier ein riesiges Problem“, meint Robin. „Und momentan sehe ich nicht mehr als kurzzeitige Lösungsvorschläge. Wir brauchen aber langfristige Strategien.“

Mirte guckt ein wenig nachdenklich. „Aber es kommen nun einmal jetzt und in diesen Tagen ständig neue Menschen“, sagt die 19-Jährige. „Die müssen wir aufnehmen, das sehe ich als unsere moralische Pflicht.“

 

Pflicht, Solidarität, Toleranz

Pflicht – ein Begriff, der im Zuge der Flüchtlingsdebatte oft genannt und debattiert wird. Genauso wie Solidarität – zwischen den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union und für die Flüchtlinge selbst. Anouk sagt: „Die Kooperation zwischen den europäischen Ländern muss verbessert werden.“ Mirte nickt. „Hier liegt auch eine große Gefahr: Dass sich europäische Länder mehr entzweien, weil manche Staaten so viele Flüchtlinge aufnehmen und einige gar keine oder kaum welche.“

Ein Konzept, für das die Niederländer weltweit bekannt sind, ist das der Toleranz. Kann diese Eigenschaft heute noch auf die Menschen angewendet werden, die so zahlreich nach Europa fliehen?

„Wir sind nicht tolerant, wir tolerieren“, sagt Dionijs de Hoog, Professor für Geschichte an der Universiteit van Amsterdam. Er kennt sich aus mit der niederländischen Vergangenheit – und auch mit bestimmten Strömungen und wiederkehrenden Themen seiner Gesellschaft.

„Tolerant sind wir in einem pragmatischen Sinn“, erklärt er. „Wenn es nützlich für uns ist, Menschen nicht zu verfolgen, sondern sie zu akzeptieren. Wenn sich so eine pragmatische Lösung zum Standard entwickelt, dann wird Toleranz kreiert.“ Allerdings gelten bestimmte Bedingungen für Menschen, die ins Land kommen:„Lerne unsere Sprache. Verhalte dich in der Öffentlichkeit niederländisch. Verstehe unsere Art, zu leben und versuche, ein Teil unserer Gesellschaft und Kultur zu sein.“

Die Niederlande und ihre Asylpolitik

Die Niederlande liegen laut einer Erhebung von Eurostat aus dem Jahr 2014 auf Platz drei der europäischen Länder, die am meisten syrische Flüchtlinge aufnehmen – nach Deutschland und Schweden. Dabei ist die Asylpolitik eine der strengsten im Vergleich zu anderen Mitgliedsstaaten der EU. Wenn ein Asylantrag abgelehnt wurde, gibt es kaum eine Aussicht auf Duldung. Innerhalb von 28 Tagen müssen abgelehnte Asylbewerber das Land verlassen; 2 von 3 Menschen bekommen einen negativen Bescheid. Nach einer möglichen Verlängerung der Frist auf zwölf Wochen gilt ein Flüchtling als illegal. Durch eine Reform wurde die Bearbeitungszeit der Asylanträge auf etwa drei Monate verkürzt. Ein positiver Bescheid ist zunächst eine Aufenthaltsgenehmigung für fünf Jahre, in denen die Menschen arbeiten können und an Integrationskursen teilnehmen. Wenn Familienmitglieder die Niederlande innerhalb von drei Monaten nach Bestätigung des Antrags ihrer Angehörigen betreten, dürfen sie nachfolgen. Trotz harscher Regelungen kommen immer Flüchtlinge in die Niederlande. Im vergangenen Jahr waren es 25.000 Menschen, bis Ende Juli dieses Jahres bereits 26.600.

 

Salondiskussionen um Grenzen und Limits

Dionijs de Hoog erzählt von Diskussionen über die Flüchtlingspolitik mit Freunden; in schönen Salons und gediegenen Häusern am Grachtenring, den schicksten Vierteln Amsterdams. Die Perspektive, aus der hier geurteilt wird, sei sehr abgehoben. „Mein bester Freund findet, wir sollten alle Grenzen öffnen.“ Der Professor faltet die Hände über dem locker sitzenden Hemd und legt die Stirn in Falten. „So eine Meinung zu haben, ist für wohlhabende Menschen wie ihn aber zu einfach. Der Preis wird von Menschen in ärmeren Nachbarschaften gezahlt.“

Mit solchen Aussagen zitiert de Hoog Paul Scheffer: Der Professor für Stadtsoziologie, Buchautor und Politikberater hat mit seinen Veröffentlichungen viel zur Debatte beigetragen. Seine These: Wer die durch die Migration entstehenden Probleme leugnet, begünstigt Konflikte zwischen Einheimischen und Einwanderern. Kürzlich äußerte sich Scheffer im niederländischen Financieel Dagblad zum ersten Mal zur aktuellen Debatte.

Auch Mirte hat das Interview gelesen. „Ich glaube, wie Scheffer, dass es ein Limit gibt“, sagt sie. „Wir wissen noch nicht wo es ist, aber es gibt ein Maximum von Flüchtlingen, die wir aufnehmen können.“ Nach einer kleinen Denkpause meint sie dann: „Aber es sind trotzdem Menschen wie du und ich, die her kommen. Wir dürfen sie nicht einfach wie eine Nummer behandeln.“

 

Sorgen um die Zukunft

Die meisten Menschen in den Niederlanden wollen den Flüchtlingen helfen, meint Anouk. „Aber sie haben auch große Angst davor, dass ihnen Jobs oder Wohnungen weggenommen werden.“

Wenn die Dinge ernster werden, dann geht es furchtbar schnell, dass die Menschen ihre Toleranz und Offenherzigkeit verlieren, meint de Hoog. „Davor habe ich Angst“, sagt er. Was muss mehr geschützt werden – unsere Grenzen oder unsere Offenheit?

„Wenn schon Scheffer, ein sehr liberaler Denker, gegen Merkels offene-arme-Politik plädiert und eine Obergrenze anspricht, dann hat sich hier der politische Wind stark nach rechtsaußen gedreht“, meint der Professor. Merkel-Fans seien in den Niederlanden daher momentan eher rar. „Wir sehen Merkel nicht mehr als das „good girl“ wie vorher. Warum? Weil ihre Politik die Flüchtlinge nach ganz Europa kommen lässt und also auch zu uns.“

 

Da ist sie wieder, die europäische Frage und vor allem die Suche nach Solidarität. Sind die Niederländer noch tolerant und liberal? „Nachdem wir begriffen haben, dass wir ein kleines Fleckchen Land sind ohne viel weltpolitischen Einfluss, haben wir unsere moralische Überlegenheit entwickelt“, erklärt de Hoog. „Das ist ein historisches Kontinuum seit dem 18. Jahrhundert und wird sich nicht so schnell verändern. Aber ich glaube ein gutes Stück unserer moralischen Überlegenheit haben wir heute abgegeben.“

 

Blick zum Nachbarland

Merkels Reaktion in der Flüchtlingsdebatte habe ihn überrascht, sagt de Hoog. Logisch finde er die Politik der Bundeskanzlerin aber nicht.

„Wenn ich in den Medien die deutsche Bevölkerung in diesem Kontext sehe, dann nehme ich auf jeden Fall eher die vielen helfenden Hände wahr als Krawalle. Aber um ehrlich zu sein, überrascht mich auch das. Warum haben Merkel und die Deutschen das Gefühl, dass sie das gerade tun müssten?“

Robin findet die Deutschen naiv, „ wenn sie glauben, sie können es einfach so schaffen“, meint Robin entschieden. Anouk wiederspricht. „Das stimmt nicht! Ja, es ist vielleicht ein bisschen zu ambitioniert. Aber es ist großartig, dass die Deutschen so viele Flüchtlinge aufnehmen.“

Mirte wiegt ihren lockigen Kopf. „Wir müssen alle Konsequenzen beachten, da gebe ich Robin Recht. Aber ich finde, dass Angela Merkel eine sehr mutige Entscheidung getroffen hat, auch politisch: denn sie hat die Debatte und die Perspektive auf die Flüchtlinge damit geändert. Sie hat die europäische Politik in eine neue Richtung gelenkt.“

Das Bild in den niederländischen Nachrichten habe sich verändert seit Merkels „Wir schaffen das“, sagen die Studentinnen. „Zu Beginn der Flüchtlingsdebatte habe ich vor allem Angriffe auf Flüchtlingsheime und solche Sachen aus Deutschland in den Nachrichten gesehen“, sagt Anouk. „Aber ich glaube, dass das Bild von den Menschen, die Flüchtlingen helfen wollen und sie aufnehmen wollen, dominiert, zumindest in den Medien, die ich sehe.“

 

Mirte sagt, sie berühren die vielen helfenden Menschen in Deutschland. „Es gibt so viele Leute, die die Flüchtlinge an Bahnhöfen willkommen heißen, mit Schildern und Spenden. Und zwar einfach, weil sie in ihrem persönlichen Leben helfen wollen. Das ist wundervoll. Auch, wenn sie nichts zurückbekommen – das kümmert sie nicht. Und das ist toll. Sie tun es einfach, weil es sie berührt und angeht.“

 

 

 

 

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