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Tourismuswahn in europäischen Hauptstädten

Massentourismus liegt im Trend – immer mehr Leute zieht es in die Ferne. Dabei ist Tourismus durchaus ein Segen, da er jede Menge Geld ins Land bringt. Andererseits kann er auch ein Fluch sein, wenn Einheimische darunter zu leiden haben.

Es ist jeden Tag dasselbe Bild in Rom: Touristenmassen drängen sich Richtung Vatikan, schießen Fotos auf dem Petersplatz, umgeben von zahlreichen Straßenverkäufern, die Selfiesticks und gefälschte Markentaschen an den Mann bringen wollen. Wer nur schnell den Platz überqueren will, muss geduldig sein. Bei anderen Sehenswürdigkeiten, wie dem Trevi-Brunnen, sieht es nicht anders aus: Wer hier seine Münze in den Brunnen werfen will, muss sich erst einmal durch die Menschenmasse kämpfen. Auch am Kolosseum und den Vatikanischen Museen wartet eine riesige Schlange auf ihr Ticket, es stehen geführte Gruppen herum, die in Bussen angekarrt wurden – bewaffnet mit Kamera und Stadtplan. Einheimische tummeln sich hier nur selten.

Durch zu viele Touristen können Städte ihre Kapazitätsgrenzen überschreiten

Rom ist längst nicht die einzige Stadt, die der Massentourismus heimgesucht hat. In Florenz blockieren die Touristen die Ponte Vecchio, in Venedig erreichen jeden Tag unzählige Kreuzfahrtschiffe den Hafen. Jedes Jahr verlassen etwa 1.000 Einwohner die Unesco-Weltkulturerbestadt. Auf die 265.000 Einwohner kommen dort jährlich 25 Millionen Besucher. Die italienische Kulturstaatssekretärin Ilaria Borletti erwog sogar eine Eintrittsgebühr für die Lagunenstadt. Denn viele Besucher bleiben nur einen Tag, und lassen ohne Übernachtung nur wenig Geld liegen. In vielen anderen europäischen Metropolen wie Lissabon, Amsterdam oder Barcelona sind die vielen Touris ebenso ein Ärgernis.

Laut Nadine Scharfenort vom Geographischen Institut der Uni Mainz, außerdem Mitglied des Arbeitskreises Tourismusforschung in der Deutschen Gesellschaft für Geographie, können Städte durchaus ihre Kapazitätsgrenzen erreichen. „Neben positiven Wirkungen wie der Schaffung von Arbeitsplätzen und der Stärkung der lokalen Wirtschaft durch die Inanspruchnahme von Hotellerie, Gastronomie und des Einzelhandels sind auch negative Auswirkungen zu spüren. Beispielsweise kann es vorkommen, dass die städtische Infrastrukturen und einzelne Viertel überlastet werden.“ Außerdem verursache Tourismus auch mehr Lärm, Abgase und Abfälle und kann bewirken, dass die Einheimischen „kulturell überprägt“ werden, also dass deren eigene Kultur in den Hintergrund tritt.

Europa ist laut UNWTO weltweit Touristenziel Nummer eins

Die Welt hat sich geändert: Vor einigen Jahrzehnten war Massentourismus noch undenkbar. Denn 1850 brauchte man mit Zug und Dampfschiff noch zwei Monate um beispielsweise von London nach Bombay in Indien zu reisen. Heute sind es im Flugzeug nur noch neun Stunden. Waren es 1950 nur 25 Millionen Touristen weltweit, die ins Ausland reisten, sind es 2015 schon knapp 1,2 Milliarden. Die Welttourismusorganisation erwartet für 2030 sogar 1,8 Milliarden Touristenankünfte weltweit. Dabei ist Europa laut UNWTO die meistbesuchte Region der Welt. Über 600 Millionen Ankünfte verzeichnet Europa 2015, das sind 27, 5 Millionen Touristen mehr als 2014. Weltweit gesehen rangiert Frankreich seit langem ganz vorn als beliebtestes Reiseziel: 2015 kamen in Frankreich über 84 Millionen Touristen an – auf Rang zwei befindet sich die USA.

Nicht alle sind Teil des Tourismusbooms – soziale Unterschiede

Auch Nadine Scharfenort zufolge werden die Menschen immer mobiler: „Es ist richtig, dass die Anzahl der Ankünfte und Übernachtungen bei Geschäfts- und Privatreisen nach wie vor steigt. Auch die Liberalisierung der Flugbranche und ein steigendes Angebot an Unterkunftsmöglichkeiten zu verschiedensten Preisen tragen dazu bei. Ebenso andere Faktoren, wie zum Beispiel gesetzliche Regelungen des Urlaubsanspruchs oder die Flexibilisierung der Arbeitszeiten.“ Scharfenort ist es dennoch wichtig zu differenzieren, dass nicht alle Menschen weltweit gleich stark an diesem Tourismusboom teilhaben – so gebe es beispielsweise innerhalb von Staaten große soziale Gefälle. Auch in Deutschland müssten sich viele Menschen aus finanziellen, gesundheitlichen, beruflichen oder familiären Gründen gegen eine Reise entscheiden.

Reisende müssen sensibler für einen „nachhaltigen“ Tourismus werden

Scharfenort ist sich sicher, dass sich das Phänomen des so genannten „Massentourismus“ in vielerlei Hinsicht fortsetzen wird. „Dabei werden sich insbesondere populäre touristische Orte Herausforderungen stellen müssen: Sie müssen ausreichend Kapazitäten und touristische Infrastruktur bereitstellen, aber auch an die Folgeschäden des Tourismus denken“, sagt sie. Die Umsetzung eines “nachhaltigen Tourismus”, der auf Bereiche wie Wirtschaft, Politik, Umwelt und Gesellschaft ziele, sei laut Scharfenort jedoch schwierig flächendeckend umzusetzen. Reisende seien daher auch selbst verantwortlich, ein Bewusstsein für die positiven und negativen Auswirkungen ihrer Reisen zu entwickeln.

Scharfenorts Prognose für die Zukunft des Tourismus sieht sowohl Chancen als auch Risiken: „Beim Tourismus der Zukunft wird die Digitalisierung eine wesentliche Rolle spielen. Technische Innovationen werden das Reisen in vielerlei Hinsicht vereinfachen, gleichzeitig aber neue Konkurrenzsituationen schaffen.“ Ebenso würden in Zukunft jedoch Sicherheitsaspekte den Tourismus beeinflussen, wie Naturkatastrophen, Epidemien, technisch bedingte Unglücke oder terroristischen Akte, aber auch die Folgen des Klimawandels.

 

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