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Unwissenheit und Ignoranz

Fuad Kamal, 21, ist ein richtiger Londoner. Er ist im Norden der Stadt aufgewachsen und studiert im fünften Semester Internationale Politik an der City Universität London. Im Juni hat er für den Brexit, den EU-Austritt der Briten, gestimmt. Warum er der Meinung ist, dass dies “vollkommen richtig und sinnvoll und die einzig richtige Entscheidung” gewesen ist, erklärt er im Interview mit Miguel Helm.

 

Fuad, der Pfund hat seit dem Brexit-Votum deutlich an Wert verloren, große Unternehmen wie Samsung oder Goldman Sachs wollen die Insel verlassen und die Lebensmittelpreise sind raufgegangen. War das Nein zur EU doch keine gute Entscheidung?

Na klar, ich nehme das, was jetzt unserer Wirtschaft passiert sehr aufmerksam wahr. Und, ja, ich sehe, dass wir gerade schwierige Zeiten durchmachen. Dass unsere Wirtschaft eine Achterbahn-Fahrt erlebt, voll mit Unsicherheit. Das war mir schon vor der Abstimmung bewusst. Die Leave-Politiker haben darauf hingewiesen. Aber diese Turbulenzen sind zeitlich begrenzt. Auf lange Sicht wird es sich absolut auszahlen, dass wir austreten. Nur müssen wir jetzt die Zähne zusammen beißen. Aber nochmal: Es wird sich lohnen. Ich stehe immer noch voll und ganz hinter meiner Entscheidung.

Erwartung: Besser als ein Vollmitglied

Was sind denn Deine Hoffnungen auf lange Sicht?

Meine Hoffnung – und ehrlich gesagt auch meine Erwartung – ist, dass wir immer noch in einer gewissen Weise mit der EU verbunden sind. Sehr wahrscheinlich werden wir einen Deal mit der EU aushandeln, der uns besser stellt als als Voll-Mitglied.

Warum sollte die EU das machen? EU-Kommissionspräsident hat gesagt, er wolle “unnachgiebig” in den Brexit-Verhandlungen sein. Die deutsche Bundeskanzlerin sagt einer britischen “Rosinenpickerei” entschieden ab.

Das ist ganz einfach. Wir sind ein wichtiger Staat und eine große Wirtschaft in Europa. Die Europäische Union braucht uns. Es würde ihr doch gar nix bringen, uns zu isolieren und uns nicht als Handels-Partner zu haben. Aber müssen wir uns auch klar eingestehen: Wir brauchen die EU. Unsere Wirtschaft braucht die EU. Ein kompletter Austritt wäre nicht gut.

Also ist die EU doch keine schlechte Sache?

Naja. Mit der EU habe ich meine Probleme. Die sind einerseits persönlich und andererseits wirtschaftlich. Für mich ist die EU einfach Protektionismus. Was ist besser: Mit 28 Ländern Handel zu betreiben oder mit der gesamten Welt? Außerdem ist die sogenannte “Personenfreizügigkeit” innerhalb der EU nur in der Theorie gut. Schauen wir doch mal nach London. Wir müssen einen großen Migranten-Zustrom bewältigen gerade. Ich bin kein “Rassist”, wie jetzt viele Remainer sagen würden, aber ich will die Dinger klar aussprechen: Wir müssen realistisch sein. Wir können nicht tausende Leute hier ins Land lassen und im gleichen Moment unsere öffentliche Infrastruktur absterben lassen. Ich erlebe das jeden Tag. Du weißt doch, wie es ist um 7 Uhr morgens in der U-Bahn ist. Da ist es komplett voll. Genau so ist es in der Schulen und in den Krankenhäusern. Das ist mein persönliches Problem mit der EU und insbesondere mit der Personenfreizügigkeit.

Und das liegt alles an der EU?

Natürlich nicht alles, wie oben gesagt bringt die EU auch viele Vorteile. Aber seit 2004, seit viele osteuropäische Staaten dazugekommen sind, hat sich die Lage dramatisch verschlechtert für die Bevölkerung hier. Mieten sind gestiegen auf ein wahnsinnig hohes Level, und gleichzeitig sind Löhne gesunken auf ein wahnsinnig niedriges Niveau. Das liegt an der unkontrollierten Migration nach Großbritannien. Wir brauchen Limits. Die EU steht dem entgegen. Deswegen ist es nur logisch, dass wir rausgehen.

Viele britische Unternehmen beschäftigen ost-europäischen Arbeitskräften und ziehen große Vorteile daraus…

Ja, es ist für unsere Wirtschaft mit vielen Vorteilen verbunden. Aber Wirtschaft ist nicht alles. Es geht auch um Lebensqualität. Was bringt es mir im Jahr 100.000 Pfund zu verdienen, wenn ich jeden Tag zwei Stunden in einer viel zu vollen U-Bahn stecke, oder ich drei Stunden im Wartezimmer sein muss, um vom Arzt untersucht zu werden. Die Hauspreise sind so hoch. Aber seit wir in der EU sind, sind sie explodiert. Das betrifft jeden hier.

Du bist gegen Migration nach Großbritannien. Also auch keine Kriegsflüchtlinge?

Darum geht es nicht! Denn das ist eine moralische Frage, die größer ist als die EU-Debatte. Natürlich haben Kriegsflüchtlinge das Recht auf Asyl hier. Wir sollten denen helfen, die unsere Hilfe wirklich brauchen. Das sind Leute aus Kriegszonen, aber nicht aus Ost-Europa.

Zum aktuellen Stand der Brexit-Verhandlungen. Die Entscheidung des Supreme Court steht noch aus, ob das Parlament über den Brexit abstimmen muss. Sollte das Parlament das dürfen?

Nein. Das würde alle demokratischen Prinzipien untergraben und unsere Demokratie schwächen. Die Briten haben entschieden. Punkt.

Glaubst Du daran, dass Du persönlich vom Brexit profitieren wirst?

Das weiß ich nicht. Es kann sein, dass ich vom Brexit erstmal nur das Negative zu Gesicht bekomme: Nächstes Jahr werde ich die Uni verlassen und Arbeit suchen. Wenn die Wirtschaft nicht läuft, wird es schwieriger für mich etwas zu finden, was meinen Vorstellungen entspricht. Aber spätestens meine Kinder werden davon profitieren.

Nach der Verkündung des Brexit haben besonders viele Studenten und junge Menschen ihren Unmut, ihren Frust verkündet. Sie wollten in der EU bleiben und sehen jetzt ihre Zukunft in Gefahr. Kannst Du sie verstehen?

Ja, ich kann sie verstehen, zumindest teilweise. Aber ich kann ihnen nur Zuversicht zusprechen. Unsere Politiker werden das Beste für uns aus den Verhandlungen herausholen. Darauf vertraue ich. Was die Studenten-Demos gegen den Brexit angeht, kann ich nur den Kopf schütteln. Viele leben in ihrer kosmopolitischen Blase. Da ist ganz viel Unwissen und Ignoranz gegenüber den Sorgen und Bedürfnissen des normalen Briten.

 

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