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Die Macke mit der Flasche

Auf in die größte Erasmusuniversität Europas : Nach Granada zieht es vor allem deutsche und italienische Austauschstudenten. Müll und Mafia geben somit gute Small-Talk-Themen auf Partys und manchmal offiziell in Seminaren ab. Eine Vorurteilsbestandsaufnahme.

 

Wenn junge Menschen in Stuhlreihen ohne Murren fleißig alles aufschreiben, was der Lehrer Wort für Wort diktiert, kann das in Deutschland eigentlich niemand Uni nennen. Im spanischen Granada hingegen schon. Bei Montesquieus Klimaregel zum „Geiste der Gesetze“ schnellten jedoch die Hände in meinem Kurs Literatura Francesa III nach oben. Menschen in „kalten“ Regionen hätten laut Montesquieu bessere Voraussetzungen für den Aufbau einer Gesellschaft als Menschen in „warmen“ Regionen? Der Philosoph begründet die These damit, dass in warmen Gegenden die Organe über weniger Spannkraft verfügen und die Wahrnehmung durch die Hitze getrübt wird. Eine brisante Behauptung, denn in Andalusien herrschen Durchschnittstemperaturen von 18,9 Grad Celsius, zehn Grad mehr als in Mecklenburg Vorpommern.

Die Dozentin führt kurz den Erfolg der deutschen Wirtschaft durch Effizienz und Pünktlichkeit als Ergebnis unserer „inneren Spannkraft“ an. Diktieren konnte sie ab diesem Moment nicht mehr. Über eine Stunde diskutierten meine spanischen Kommilitonen über Vorurteile und Mentalitätsunterschiede.

 Von der Gesellschaft versaut

Während Montesquieu unter anderem von „natürlichen“ Gegebenheiten wie Witterungsbedingungen auf die Entwicklung einer Nation schließt, geht Rousseau einen Schritt weiter und beschreibt die Rolle der Gesellschaft im Leben eines Individuums. Demnach kamen wir alle gut und unbeschrieben auf die Welt, bis die Gesellschaft uns versaute. Ziemlich buchstäblich bei den Mengen der Schweinehackbolognese, die meine französische Mitbewohnerin regelmäßig wegschmeißt. Schnell kommen verallgemeinernde Gedanken zu einem fehlenden Umweltbewusstsein der Franzosen auf.

Noch verwendbare Nahrungsmittel zu entsorgen, gehört dabei zu den Luxusproblemen der gesamten europäischen Gesellschaft. Das französische Umweltministerium beziffert die Menge entsorgter Lebensmittel in den Privathaushalten Frankreichs auf 66 Millionen Tonnen pro Jahr. Aufgeteilt auf die französische Bevölkerung von ungefähr 66 Millionen Personen schmeißt jeder Franzose rein statistisch 108 kg Nahrungsmittel weg. Das bedeutet 19 Kilogramm mehr als ein deutscher Staatsbürger im Durchschnitt. Über eine grundsätzlich andere Mentalität kann an dieser Stelle nicht gemeckert werden.

Im Gegensatz dazu bestätigt sich der subjektive Eindruck zum Müllproblem der Gastregion Andalusien: An Stränden, auf Straßen, oder in den Bergen der Sierra Nevada finden sich Flaschen, Dosen, Bananenschalen. Dies verwundert kaum, während Deutschland immerhin 60 % seines Müllaufkommens wiederverwertet, bleibt Spanien bei knappen 30 %. Der Reiseführer Andalusien des Michael-Müller-Verlages weist auf das hohe Abfallaufkommen in der südspanischen Region unter anderem aufgrund vieler Urlauber hin. Doch die Mentalität der Einheimischen spiegelt in den Augen eines Fremden ebenso einen Hang zum sorglosen Umgang mit der Umwelt wieder: Auf den Außenterrassen der Bars und Restaurants Andalusiens landen die dünnen Papierservietten nach dem Mundabwischen ohne Umschweife auf dem Boden. Einzig der Wind hebt sie auf.

Keine studentische Geldquelle

Statt in einen Mülleimer weht dieser sie jedoch meist noch neben herumirrende Plastikflaschen. Normalerweise scheinen diese gerade bei deutschen Studenten beliebt zu sein. So manche Goldgrube tut sich bekanntlich Ende des Monats mit angesammeltem Pfand auf. Da in Andalusien das Leitungswasser stark mit Chlor versetzt ist, besteht ein hoher Bedarf an Mineralwasser. Die Flaschen bleiben leider faktisch wertlos.

Die deutschen Teilnehmer meines spanischen Sprachkurses für Fremdsprachler sehen das ähnlich: Nicht mal der Gedanke, ein Pfandsammler könnte sich über darüber freuen, mindert nun das schlechte Gewissen, wenn die Flaschen in die Tonne wandern.

Die Flaschenmacke verstanden die überwiegend italienischen Kursteilnehmer nach der kurzen Erklärung des deutschen Pfandsystems besser. Was ihnen jedoch weiterhin Rätsel aufgibt: Warum Deutsche Sizilianer immer gleich nach der Mafia fragen. Wenn es denn wenigstens nur Pizza wäre…

 

Beitragsbild: Maike Hansen

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