6qv8o57r

Wann kommt die Flut?

Anstatt vergangene Erfolge in der Arbeitsmarktpolitik zu wiederholen, fürchteten die Briten sich vor einer Welle neuer EU-Einwanderer. Diese antworteten auf ihre Art – mit Humor.

Von Martha Dudzinski

Foto: The Opportunity Agenda (www.flickr.com, Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/deed.de)
Foto: The Opportunity Agenda (www.flickr.com, Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/deed.de)

Man kann aus seinen Fehlern lernen. Oder man macht es umgekehrt, wie die Briten: Die haben zuerst etwas richtig gemacht – beschlossen dann aber, doch lieber die Fehler von anderen Nationen zu wiederholen. Und zwar so: Als sich Deutschland 2004 vor der “Flut” neuer EU-Bürger meinte schützen zu müssen, zogen die Polen stattdessen nach Großbritannien. Viele Briten nahmen erstaunt zur Kenntnis: Nicht nur wollten die Polen arbeiten – sie taten es sogar. Und es kam noch besser: Sogar die unqualifizierten Polen kamen, um Jobs zu suchen … und zu finden. Noch immer wundern sich manche Engländer, wie schnell und erfolgreich sich die Polen integrierten. (Hier ein Artikel dazu aus dem Telegraph)

Da stand also Großbritannien da: liberales Land, liberale Arbeitsmarktpolitik, liberaler Wirtschaftsaufschwung. Wie öde. „Diesmal machen wir es anders“, beschlossen sie also, als nun zum 1. Januar für Rumänen und Bulgaren die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit in Kraft trat. Schon Wochen vorher wurde das ohnehin eher regnerische England zusätzlich von dramatischen Horrorszenarien überflutet. Allgegenwärtig ist die Zahl 29 Millionen. Sie fasst das Grauen zusammen, hilft, es zu verbildlichen: Es ist die addierte Gesamtbevölkerung von Rumänien und Bulgarien. Und falls der gemeine Brite die Gefahr noch nicht in ihrem vollen Ausmaß begreift, dürfen Metaphern nicht fehlen: Von „Massen“ ist die Rede, einer „Flut“, den Briten droht gar der „Exodus“ der gesamten südosteuropäischen Bevölkerung auf die Insel. Apokalyptische Szenarien entwickelten sich nicht nur in der Boulevardpresse, sondern auch in den politischen Parteien – und sogar in der Regierung. Also beschloss man, eine Abschreck-Kampagne zu produzieren, um das Land unattraktiv erscheinen zu lassen und den falschen Eindruck zu „korrigieren“, Straßen seien dort mit Gold gepflastert – so lautete tatsächlich die offizielle Zielsetzung.

Die progressive Tageszeitung The Guardian ließ sich das nicht zweimal sagen und forderte seine Leser auf, Vorschläge für eine solche Kampagne einzureichen. Das Ergebnis waren zynische Selbstreflexionen (Hier auf der Website des Guardian zu sehen) peinlich berührter Briten: „Wir sind nur deswegen noch hier, weil unsere öffentlichen Verkehrsmittel nicht funktionieren”, „Kommt nicht nach Großbritannien, es ist voll – von Alcopops, Asbest und Briten“ oder „Frankreich ist noch schlimmer, aber dort gibt es besseren Alkohol“.

Am anderen Ende von Europa beschlossen rumänische Journalisten, sich nicht zu ärgern. Auch sie starteten eine Kampagne: Frei nach dem Motto „Kommt doch her, wenn es bei euch so schlecht ist“, luden sie die Briten nach Rumänien ein. Die Redaktion von gandul.info entwarf Poster mit Sprüchen wie „Unser Fassbier ist billiger als euer Sprudel“ oder „Die Hälfte unserer Frauen sieht aus wie Kate [Middleton]. Und die andere Hälfte wie ihre Schwester.“ (hier in der englischen Originalfassung)

Noch am 30. Dezember 2013 riefen Mitglieder von Camerons Tory-Partei ihn dazu auf, die Freizügigkeitssperre aufrecht zu erhalten. Was folgte, war ein erneuter boulevardesker Sturm dramatischer Weltuntergangsszenarien, wieder drohten „Flutwellen“, gar eine „Invasion“. 29 Millionen! Ironie des neuen Jahres: Die ersten Einwanderer 2014 sind inzwischen echte Berühmtheiten, weil sich die gesamte Presse auf einige wenige Gesichter stürzen musste (hier ein Artikel aus dem Mirror). Wo bleiben die 29 Millionen, wenn man sie braucht?

Deutschland beschäftigt währenddessen eine andere Flut: der Taugenichts-Tsunami. Rückblickend hatten wir immerhin den Anstand, nur die statistisch (hier eine Analyse der Arbeitsagentur) besonders irrelevante Gruppe von Nicht-Arbeitswilligen – den so genannten Sozialtouristen – als Gefahr zu benennen. Also nicht 29 Millionen. Auch wenn wir betonen, dass die Mehrheit der Rumänen und Bulgaren eigentlich qualifiziert sind – die dürfen gerne wissen, was wir von ihren minder qualifizierten Mitbürgern halten. Von denen, für die das Attraktivste am Wirtschaftsstandort Deutschland das Sozialsystem ist. Sollen „die Rumänen und Bulgaren“ doch merken, dass wir ihren sozialschmarotzenden Landsmännern auf der Schliche sind. Denn wieso sollten wir aus unseren Fehlern lernen, wenn die Briten sie sogar kopieren?

Die Debatte Keine Kommentare