Die Aufklärungsbroschüre wird nicht überall angenommen.                        Foto: Wetter

Die Aufklärungsbroschüre wird nicht überall angenommen. Foto: Wetter

Wasser als Ventil: Irland lehnt sich auf

Irland ist im wirtschaftlichen Aufschwung. Zumindest offiziell. Die Sparmaßnahmen haben gegriffen; seit Anfang des Jahres gelten irische Staatsanleihen wieder als relativ sichere Anlage. Aber die irische Bevölkerung ist frustriert. Sie fühlt sich von ihrer Regierung übergangen und ihr Frust entlädt sich seit Monaten an einem Thema: Wassergebühren. In diesen Tagen werden überall im Land Wasserzähler installiert, theoretisch zumindest. Die Praxis allerdings sieht anders aus.

Eine Seitenstraße unweit der Dubliner Innenstadt. Hier und da lehnt ein verlassener Müllsack an der Straßenlaterne. Ab und zu kommt eine streunende Katze vorbei, schnuppert am dünnen Plastik, zieht weiter. Die Häuser hier sind klein, einstöckig und fast alle mit Alarmanlage. Denn es ist eines der vielen Viertel, über die Ortskundige die Nase rümpfen. Den Müll stellt hier so mancher Anwohner einfach an der Straßenlaterne ab, weil er das Geld für die Müllabfuhr einfach besser gebrauchen kann. Und doch war allen klar: Irgendwann würde es auch hier soweit sein. Armut hin oder her.

Protestler meinen es ernst

Es ist Mittwochmorgen, 08:00 Uhr, als das Irgendwann schließlich zum Jetzt wird. LKW, Polizei, Warnwesten, Presslufthammer. Die Bauarbeiter kommen, wollen die Wasserzähler installieren. Aber, die ersten Protestler, wie man die Gegner der Wassergebühren in Irland nennt, sind längst auf der Straße. Sie blockieren, skandieren: „No way, we won’t pay!“ – Auf keinen Fall werden wir bezahlen. Seit Monaten ist das der Slogan ihrer Proteste gegen die Wassergebühren.

Die Privatisierung von Leitungswasser war einer der letzten Punkte, den die Troika Irland auferlegt hat. Bisher waren die Kosten für Leitungswasser durch Steuern abgedeckt worden. Jetzt soll die Bevölkerung Gebühren an ein vom Staat gegründetes Privat-Unternehmen zahlen. Bis dato haben die Iren alle Kürzungen, Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen vergleichsweise gelassen hingenommen, aber das geht vielen zu weit. Hunderttausende sind in den vergangenen Monaten auf die Straße gegangen. Und doch werden inzwischen landesweit die ersten Wasserzähler installiert.

So auch in der Dubliner Seitenstraße, wo sich morgens um 8:30 Uhr Protestierende und Bauarbeiter unter Polizeischutz gegenüberstehen. Unter den Protestierenden ist Paul. Wie alle anderen will auch er lieber nicht seinen richtigen Namen im Internet lesen. „Wir haben das Gefühl, dass die Wassergebühren uns endgültig das Genick brechen sollen. Jetzt müssen wir endlich mal aufstehen und die da oben stoppen.“ In seinem Viertel auf der anderen Flussseite seien sie vor Weihnachten gewesen. „Zuerst haben wir die Arbeiter aufhalten können. Aber wir hatten zu wenige Unterstützer.“ Nach fünf langen Wochen mussten sie schließlich aufgeben. Damit es anderen nicht auch so geht, blockiert Paul die Bauarbeiten jetzt anderswo. Friedlich, versteht sich.

„Ich bin niemand, der etwas Grundsätzliches gegen unsere Regierung hat und ständig herum rennt, um zu protestieren“, sagt auch John. Aber bei den Demonstrationen gegen die Wassergebühren, sei der Rentner immer dabei gewesen. „Meistens mache ich meinen Schal dann hoch über die Nase“, erklärt er und zieht mit einem gekonnten Griff sein rotes Fleece-Tuch hoch ins Gesicht.

So wie John, vermummen sich inzwischen viele Protestierende. Ihnen ist die Unsicherheit anzumerken. Im vergangenen Monat kam es zu mehreren Festnahmen bei den Protesten. Zwischenzeitlich waren drei der Inhaftierten sogar in den Hungerstreik getreten. Eigentlich waren die Iren bisher kein Volk mit starker Protestkultur, wie etwa die Griechen oder Franzosen. Aber das hat sich geändert. Es ist eine organisierte Form des Protests. „Wir schreiben uns morgens über Facebook und Twitter zusammen, sobald wir wissen, wo die Bauarbeiter sind“, sagt der Rentner John. Im März wird es einen weiteren Protestmarsch in der Hauptstadt geben. Hunderttausende werden dazu erwartet.

Regierung bemüht sich um Aufklärung

Im vergangenen Monat haben alle Bürger eine Broschüre erhalten. Ihr Wasserzähler kommt bald, war der Titel. Eine Infobroschüre, die vor allem einen Zweck hatte: Deeskalieren. Sie sollte noch einmal aufklären, noch einmal darauf hinweisen, warum Wasser eigentlich teuer und wertvoll ist. Dass es auf die Dauer nicht möglich sei, Wasser weiterhin für jährlich 1,2 Milliarden Euro aus der Staatskasse zu finanzieren. Dass viele Leitungen repariert oder erneuert werden müssten und dafür das Geld fehlt. Und, dass es ein langer Weg sein wird bis das neue Versorgungssystem ganz eingeführt ist – und alle auf die neuen Standards stolz sein können.

Manch einer, der es sich leisten kann, sagt, die Gebühren seien eine richtige Sache zur falschen Zeit. Im europäischen Vergleich zeigt sich: Die Iren werden mit den geplanten Gebühren de facto noch immer am wenigsten für ihr Wasser zahlen. In der Dubliner Seitenstraße spielt das jedoch keine Rolle. Denn die Protestierenden hier sind sich sicher, dass die Gebühren, wenn sie erst einmal eingeführt worden sind, sofort erhöht werden. Vor vielen Häusern sind die Info-Broschüren von vor einigen Wochen deshalb einfach auf dem Bürgersteig gelandet und inzwischen durchgeweicht vom vielen irischen Regen. „Manche haben wir auch einfach gesammelt und verbrannt“, erklärt der protestierende Paul stolz. „Wir wollen, dass sie wirklich verstehen, dass es uns jetzt reicht mit den Steuern.“

Wo sie morgen sein werden? Das wissen sie alle noch nicht. Dort, wo die Bauarbeiter aufschlagen. Wahrscheinlich ist das wieder hier. „Die können das ja nicht ewig so machen. Das wird irgendwann zu teuer, wenn sie jeden Tag mit Polizeischutz kommen und am Ende nur zwei Wasserzähler installieren“, sagt Paul. „Und dann werden wir gewinnen.“ Ob er Recht behalten wird?

Bis um 11 Uhr hat Paul noch Zeit an diesem Morgen, dann muss er zur Arbeit. Vielen geht das so – aber deshalb blockieren sie in Schichten. Über Facebook wird Paul am Abend erfahren: Die Bauarbeiter sind unverrichteter Dinge wieder abgezogen. Vorerst zumindest.

 

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