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Wenn „Sharing“ statt teilen, nehmen heißt

Der private Fahrdienst-Vermittler Uber auf Expanditionskurs nach Europa

 

Uber-Chef Travis Kalanick hat bekannt gegeben, dass das amerikanische Fahrdienst-Unternehmen bis zum Ende des Jahres 50.000 neue Jobs in Europa schaffen möchte. „Wir wollen 2015 eine Partnerschaft mit Städten in der EU schließen,“ sagte Kalanick auf der Digitalbranchen-Konferenz DLD in München im Januar. Damit könne Uber 400.000 Autos von Europas Straßen und Parkplätzen nehmen, argumentierte die Uber-Spitze. Nach Unternehmensangaben hätte Uber bereits 7.800 Arbeitsplätze in London und fast 4.000 Arbeitsplätze in Paris geschaffen.

Private Fahrtdienste wie Uber und Lyft sind in Europa hoch umstritten und teilweise sogar verboten. Doch auch in den USA, in denen Uber weiter auf einem beispiellosen Siegeszug ist – das Startup soll einen Wert von 40 Millionen Dollar besitzen – sieht man die Expansionsvorhaben mit gemischten Gefühlen.

Porschea Johnson, Studentin aus Alexandria in Virginia, fährt seit mehr als einem halben Jahr in Amerikas Hauptstadt Washington, DC, fremde Menschen an ihr Ziel, vermittelt durch die Uber-Applikation. „Ich mag meinen Job. Aber ich fühle mich von Uber im Stich gelassen“, erzählt die 24-Jährige. Uber gerät wegen Dumpinglöhnen und Sicherheitsbedenken immer wieder in den Fokus der Medien. Denn offiziell behält das Unternehmen 20 Prozent des Fahrpreises, den die Fahrer verdienen. „Am Anfang konnte ich immer genau vorhersagen, wie viel ich an einem Tag verdiene. Heute ist es immer ein anderes Ergebnis, das ich nicht nachvollziehen kann“, so Johnson.

 

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Im Januar reduzierte Uber in den USA zusätzlich die Preise um 15 Prozent, um mehr Kundschaft anzuwerben. Ein Schritt, den viele Uberfahrer deutlich spürten, da sie plötzlich weniger verdienten. „Uber denkt, wir merken davon nichts. Doch ich habe das Gefühl, dass das Unternehmen immer mehr für sich einbehält, ohne uns Bescheid zu geben. Es gibt keine Transparenz“, erzählt Johnson. Uber dagegen argumentiert, dass geringere Preise den Fahrern zugutekämen: „Wir sehen in unseren Daten, dass Uberfahrer nach den Preissenkungen mehr verdienen als vorher, weil sich die Fahrten pro Stunde erhöhen“, so Ubersprecherin Julia Sosnizka.

Johnson würde nur zu gern wissen, wie die App die Fahrpreise berechnet. Doch auf Anrufe und Fragen erhielt sie bisher keine Antwort: „Unter der Telefonnummer, die sie uns gegeben haben, ist nur eine automatische Ansage zu erreichen. Einen Ansprechpartner gibt es nicht.“ Uber verweist auf die Bürosprechzeiten in den Städten.

Mit dem Versprechen des bargeldlosen Fahrens grenzt sich der Fahrdienst von der Taxibranche ab, da über die Uber-App die Kreditkartendaten gespeichert und nach jeder Fahrt die Kosten automatisch abgezogen werden. Trinkgelder sollen Fahrer ablehnen, da es nach Unternehmensangaben bereits in den Fahrtkosten mit eingeschlossen sei. Jeder Uber-Nutzer kann nach der Installation der App auswählen, wie viel Prozent Trinkgeld man bei jeder Fahrt geben möchte. Aufgeführt werden diese Prozente jedoch bei keiner Abrechnung.

„Ich merke davon nichts, dass wir automatisch Trinkgeld bekommen sollen. Darüber wurde ich nie aufgeklärt“, berichtet Johnson. All das hört die Kriminologie-Studentin zum ersten Mal.
Uber-Sprecherin Sosnizka sagt, dass Uber es nicht ablehnen würde, wenn Fahrer Trinkgeld bekämen, Trinkgeld aber kein Teil von Uber sei. „Uberfahrer sind nicht vom Trinkgeld abhängig. Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass Uberfahrer in den USA im Durchschnitt 19 Dollar pro Stunde verdienen – mehr als Taxifahrer.“

 

Billig, schnell und unkompliziert – oder doch nicht?

Für Verbraucher könnten private Fahrdienste kaum praktischer sein. Mit nur drei Klicks in der Uber-App ist eine Mitfahrgelegenheit gebucht. Auf dem Smartphone kommt das kleine schwarze Auto dem eigenen Standort immer näher, den die App via GPS berechnet. Währenddessen ist ein Bild des Fahrers und dessen Autos sichtbar, dazu Name, Automarke und das Kennzeichen.

Porschea Johnson ist über die App schnell zu findenDie Preise sind oft unschlagbar günstig. Wer nicht allein fährt und den Fahrpreis teilt, fährt mit einem Uber manchmal sogar billiger als mit der Metro. Billig, schnell und unkompliziert – ein Konzept, welches vor allem junge Leute anspricht. Doch zu welchem Preis für die Fahrer?

Weltweit gingen Gegner der privaten Fahrdienste auf die Straße, um gegen Dumpinglöhne und fehlende Sicherheit zu protestieren. In den USA haben sich Netzwerke gebildet, in denen sich Fahrer von Uber, Lyft und anderen Fahrdienst Start-ups zusammenfinden und für ihre Rechte kämpfen. Eines davon ist das Uber Drivers Network NYC, welches Demonstrationen und Diskussionsrunden organisiert. Auf der Facebookseite des Netzwerkes wird immer wieder zum Protest gegen Uber aufgerufen, in dem sich Fahrer gleichzeitig aus der App ausloggen, sodass der Fahrdienst nicht mehr erreichbar ist. Für eine Stellungnahme war das Netzwerk nicht zu erreichen. Ubers Drivers Network NYC kämpft in den sozialen Netzwerken gegen die Entscheidungen der Uber-Spitze, durch geringere Preise und immer neuen Auflagen, den Profit auf Kosten der Fahrer zu steigern und rät sogar zum Ausstieg.

Auch das Taxigewerbe protestiert gegen Uber. Dann ertönen die Hupen hunderter Taxis in Washington, DC, wenn diese immer und immer auf der Pennsylvania Avenue an der Stadtverwaltung vorbeifahren, um mehr Einschränkungen für App-basierte Fahrdienste zu fordern. Einer der Vorwürfe ist, dass Uber-Fahrer keine Lizenzen zur Personenbeförderung besäßen. Auch in Deutschland fehlt dem Unternehmen eine solche Genehmigung. Das Landgericht Frankfurt hatte Uber im vergangenen September bundesweit verboten, jedoch wurde die einstweilige Verfügung kurze Zeit später wieder gekippt. Nur in den Städten Berlin und Hamburg ist es dem Unternehmen offiziell untersagt, Fahrdienste zu vermitteln. Ein landesweites Verbot gibt es zum Beispiel in Spanien.

 

„Es ist riskant“

In Washington, DC, sitzen vor allem Studenten und US-Bürger mit Migrationshintergrund hinter dem Steuer, die sich entweder etwas dazu verdienen wollen oder Uber als Zwischenlösung nutzen, bis sie eine andere Arbeitsstelle gefunden haben. Und trotz der Debatten kommen täglich neue Fahrer/innen in den USA dazu, zuletzt waren es schon über 40.000 in den USA.

„Ich liebe die Flexibilität“, sagt Johnson über ihren Job, „Ich kann mich in der App als Fahrer ja aus- und einloggen, wann ich möchte.“ Und auch der Verdienst ist gut – tagsüber seien es bis zu 25 Dollar in der Stunde für die Studentin. Je später die Nacht, desto höher sind durch Zuschläge die Einnahmen, weshalb Johnson oft in den Abendstunden fährt. Innerhalb eines Wochenendes kämen so bis zu 500 Dollar zusammen.

Doch es bleibt immer ein Risiko, fremde Menschen in sein Auto zu lassen. „Mehrere Mitfahrer haben meine Hand beim Fahren gegriffen oder wollten nicht aussteigen“, berichtet Johnson. „Es ist riskant aber ich bin wachsam.“

 

Nachdem im vergangenen Dezember ein Uberfahrer eine Kundin in Neu Delphi, Indien, vergewaltigt hatte, sprach die Stadtverwaltung ein Verbot gegen den privaten Fahrdienst aus. Trotz des Verbots werden seit Ende Januar wieder Fahrdienste durch die App in Neu Delphi angeboten. Seit dem Vorfall wurde Kritik laut, Uber habe den Fahrer nicht genau überprüft.

Uber-Sprecherin Sosnizka sagt, dass es nicht leicht sei, Uberfahrer zu werden: „Wir schauen uns den Hintergrund des Fahrers und des Autos sorgfältig an.“ Doch Porschea Johnson erzählt, dass sie als Uberfahrerin nie persönlich überprüft worden sei. Zur Bewerbung brauchte die Studentin nur eine Kopie des Führerscheins, ihres Ausweises und der letzten Autoinspektion einzureichen. Bei einer einmaligen Veranstaltung führte Uber ein Video vor, das zeigte, wie die App funktionierte. Kein persönliches Gespräch. Kein Führungszeugnis. Aber viele offene Fragen.

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