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Wer das Klima retten will, braucht eine neue Wirtschaft

(Symbolbild: CC BY-SA 3.0 ANKAWÜ)

Wirtschaftsprofessor Holger Rogall zur Glaubwürdigkeit Deutschlands, der Verantwortung der Industriestaaten und einer nachhaltigen Wirtschaftslehre.

Am Montag treffen sich Vertreter von Ländern aus aller Welt in Paris, um gemeinsame Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels zu beschließen. Doch wenn man den Klimawandel aufhalten will, reicht es nicht, den Verbrauch nicht erneuerbarer Rohstoffe wie Öl, Kohle und Gas zu senken. Eine zukunftsfähige Entwicklung setze neben der ökologischen Dimension auch neue ökonomische und soziale Ziele voraus, sagen Anhänger einer nachhaltigen Wirtschaftslehre. Dazu gehören beispielsweise die Bekämpfung von Armut und Verteilungsungerechtigkeit. Nur so könnten die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, zu denen auch der Klimawandel gehört, bewältigt werden.

Holger Rogall ist Direktor des Instituts für Nachhaltigkeit und Hochschuldozent für „Nachhaltige Ökonomie“ an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Im Interview erklärt er, warum die Rettung unseres Planeten eine völlig neue Perspektive auf die Wirtschaft verlangt.

 

Herr Rogall, Sie haben das Lehrbuch „Grundlagen einer nachhaltigen Wirtschaftslehre” geschrieben. Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern?

Holger Rogall: Die gesamte Wirtschaftslehre muss grundlegend reformiert werden, um künftig nachhaltiges Wirtschaften zu ermöglichen. Nehmen wir drei Beispiele:

Erstens: Die heutigen wirtschaftsliberalen Schulen beruhen auf Modellen aus dem 19. Jahrhundert. Zentraler Ausgangspunkt dieser Modelle ist das Menschenbild vom Homo oeconomicus, der immer streng rational und zum eigenen Nutzen handelt. Ein Menschenbild, das von allen anderen wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit dem Menschen beschäftigen, als falsch angesehen wird. Menschen verhalten sich sehr oft eben nicht zu ihrem Besten: Sie konsumieren Drogen, Alkohol, Tabak im Übermaß, sie emittieren große Mengen Treibhausgase und verbrauchen knappe Ressourcen. Damit verbauen Sie ihre eigene Zukunft und die ihrer Enkel. Sie sind auch nicht nur eigennutzstrebend sondern streben auch in der Geschäftswelt vertrauensvolle langlebige Beziehungen statt kurzfristige Eigennutzmaximierung an, wie es die traditionelle Wirtschaftslehre annimmt. Der Mensch ist also kein Homo oeconomicus, sondern ein Homo Heterogenus, fähig auch zur Liebe und Kooperation. Wenn nicht anerkannt wird, dass das bisherige Fundament der Wirtschaftsschule nicht tragfähig ist, wird das gesamte Gedankengebäude dieser Schule eines Tages einstürzen. Eine neue Generation von Wirtschaftswissenschaftlern wird Wirtschaften neu denken und die Lehrbücher umschreiben müssen.
Zweitens: Die Studenten lernen nichts über die wirklichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: Klimafolgekosten wie die Massenmigration und Hungerkatastrophen oder die Folgen des Verbrauchs nicht erneuerbarer Ressourcen kommen im Unterricht der meisten Wirtschaftsfakultäten nicht vor. Wie aber sollen veraltet ausgebildete Führungskräfte die Probleme von heute und morgen lösen? Sie müssen heute nach ihrem Studium nachgebildet werden.
Drittens: Wir benötigen eine Wirtschaftsschule, die auf ethischen Prinzipien beruht wie Gerechtigkeit statt Selbstbereicherung, Vorsorge statt Nachsorge, Angemessenheit statt Maximierung, Dauerhaftigkeit statt Kurzfristorientierung.

 

Deutschland präsentiert sich mit seinem „Energiewendemodell“ als weltweiten Vorreiter, baut gleichzeitig aber wieder Kohlekraftwerke. Wie glaubwürdig und wie grün ist Deutschland wirklich? Gibt es Länder, die Deutschland sogar als Vorbild dienen könnten?

Wirtschaftsprofessor Holger Rogall
Wirtschaftsprofessor Holger Rogall

Tatsächlich war Deutschland wirklich sehr lange Vorbild in der Klimaschutzpolitik und hat insbesondere in der EU aber auch in China sehr viel bewegt. Zum Beispiel wurde mit dem Klimaschutzziel einer 80-95-prozentigen Verminderung der Treibhausgase faktisch der Ausstieg aus der fossilen Energiewirtschaft in Deutschland und der EU beschlossen, allerdings ohne dies in dieser Deutlichkeit zu sagen. Gleichzeitig wird aber die Kohlenutzung weiter betrieben, ja erhält sogar eine weitere Förderung. Zudem ist die Energiewende zum klimaneutralen Verkehr ausgeblieben und der Umbau zum klimaneutralen Gebäudebestand, der ab 2050 keine fossilen Energien mehr verbrauchen darf, geschieht im Schneckentempo. Und das, obwohl hier Sieben-Meilen-Stiefel notwendig wären. Wir benötigen dringend einen sofortigen Ausstiegsbeschluss aus der Kohlenutzung – z.B. bis 2040 oder 2050 – um wieder glaubwürdig zu werden, denn die Konzepte für einen technisch, rechtlich und wirtschaftlich tragfähigen Ausstieg liegen vor. Das hat unsere Umweltministerin Hendricks auch verstanden, jetzt braucht es noch eine Kabinetts- und Bundestagsmehrheit. Da sind EU-Länder wie Österreich und Schweden – die bald 70% ihres Stromverbrauchs durch erneuerbare Energien decken – echte Vorbilder. Zugegebenermaßen sind ihre Voraussetzungen durch natürliche Gegebenheiten auch anders.

 

Welche Rolle wird Deutschland bzw. Europa bei der UN-Klimakonferenz, die am Montag in Paris beginnt, einnehmen und welche Akteure werden die Konferenz bestimmen?

Ich gehe fest davon aus, dass Deutschland versuchen wird, an seine alte Vorreiterrolle anzuknüpfen. Ob das Erfolg haben wird, werden wir sehen. Die wirklich entscheidenden Player werden die USA und China sein, die bislang fast alle Fortschritte verhindert haben, jetzt aber beginnen, umzudenken. China ist ja nicht nur der größte Emittent von Treibhausgasen, sondern auch bereits heute sehr stark von Klimaveränderungen belastet. Alle ihre Küstenstädte sind künftig von der Überflutung durch den steigenden Meeresspiegel bedroht, ihre Wüsten breiten sich immer weiter aus und zerstören den knappen Ackerboden. Die USA sind innerlich gespalten, aber Präsident Obama möchte nicht in die Geschichtsbücher eingehen, als Mann der die Zukunft zerstörte, sondern die Verleihung des Friedensnobelpreises an ihn rechtfertigen.

 

Im Vergleich zu anderen Klimakonferenzen formulierten die Länder dieses mal schon im Vorhinein eigene “Selbstverpflichtungen“, um das gemeinsame 2-Grad-Ziel zu erreichen. Ist die Klimakonferenz so ganz ohne gemeinsame Verpflichtungen und somit auch ohne eine Möglichkeit, Sanktionen zu verhängen, nicht schon im Vorhinein zum Scheitern verurteilt?

Ein nicht-Ergebnis wie in Kopenhagen im Jahr 2009 hieße „die Menschheit gibt sich auf“. Vielleicht können Verhandlungslösungen mit dem Zwang zum Konsens überhaupt nicht zum Ziel führen, weil die Kurzfristinteressen einzelner Branchen und Staaten einfach zu groß sind. Daher stehen heute Selbstverpflichtungen der Staaten – die ja keinen Verhandlungskonsens benötigen – im Mittelpunkt. Das könnte ein Anfang sein, auch wenn fast alle Länder mit den vorgelegten Zahlen tricksen und sich eigene Basisjahre wählen. Die lassen zwar ihre Selbstverpflichtungen gut aussehen, werden in Wahrheit aber nicht ausreichend sein. Auf lange Sicht reicht das natürlich nicht. Wer Klimaschutz wirklich ernst meint, muss für den konsequenten Umbau der Energiewirtschaft zu einer 100%-Versorgung mit erneuerbaren Energien sorgen und sich mit den Ländern zusammentun, die dies auch wollen. Kein Land darf in 35 Jahren pro Kopf mehr als eine Tonne Treibhausgase pro Jahr ausstoßen. Die Produkte von Staaten, die sich nicht dieser Energiewende anschließen, sollten dann aufgrund ihres Öko-Dumpings mit Strafzöllen belegt werden. Dann kosten z.B. die Energieimporte jährlich etwas mehr, aber das würde zu neuen Innovationsschüben in der deutschen Wirtschaft führen. Wir können einfach nicht mehr warten, bis der letzte Staat Vernunft angenommen hat. Am Ende benötigen wir eine Weltklima- oder –Nachhaltigkeitsorganisation, die wie die Welthandelsorganisation (WTO) mit Sanktionsmechanismen ausgestattet ist, um den Klimaschutz gegenüber allen Staaten durchzusetzen. Was für den Freihandel möglich ist, sollte für ein tragfähiges Klima selbstverständlich sein.

 

Hinsichtlich der Verursachung des Klimawandels kommt vor allem Industrieländern eine historische Verantwortung zu. Sie sind die Hauptverursacher des vom Menschen verursachten Treibhauseffektes. Über die Hälfte des im gesamten 20. Jahrhundert in die Luft geblasenen Kohlendioxids wurde in Europa und den USA erzeugt. In Paris werden Schwellen- und Entwicklungsländer den Industrienationen gegenüberstehen. Wie kann eine gemeinsame Lösung aussehen, ohne dass Industrieländer wieder in ihre alte Rolle des „Kolonialherren“ zurückfallen?

Heute wissen wir, dass mehr fossile Energieträger existieren als das Klima verkraften könnte. Werden alle Vorräte verbrannt gibt es keine Zukunft für die Menschheit mehr. Die Länder, die über hohe Vorräte verfügen, die sie im Boden lassen, müssen über höhere Preise für die jährlich kleiner werdenden Verkäufe entschädigt werden. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen hat hierzu eindrucksvolle Veröffentlichungen und Vorschläge vorgelegt. In Paris werden diese Vorschläge wahrscheinlich noch nicht ausreichend behandelt.

 

Eine Reduzierung der CO2-Emissionen bis 2020 auf zwei Grad – so lautet das anvisierte Ziel des Abkommens. Was muss konkret getan werden, um dieses Ziel eventuell einhalten zu können?

Das eigentliche Ziel der Menschheit muss der schnellstmöglich Umbau der Energiewirtschaft auf eine 100%-Versorgung mit erneuerbaren Energien sein, alles andere sind Symbollösungen, die uns nicht wirklich retten, sondern besten Falls Zeit erkaufen. D.h. wir benötigen den schnellstmöglichen Ausstieg aus der Kohlewirtschaft, später aus allen fossilen Energien. Dann wird z.B. Rohöl nur noch für die Herstellung von Kunststoffen verwendet. Deutschland könnte zeigen, dass das gelingen kann.

 

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