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„Wer satt und mit sich zufrieden ist, tötet nicht“

Schon als kleiner Junge begeisterte sich Olivier für Granada und die Alhambra. Obwohl er den Großteil seines Lebens in Marokko verbrachte, kann sich der Barmann seinen Lebensabend nirgendwo anders vorstellen.

Die kleine Annonce an der Tür ließ ihn einfach nicht mehr los. Spontan mietete Olivier vor fünfzehn Jahren das kleine Restaurant „La Manche de Chica Chaoen“, gleich unter Granadas malerischstem Aussichtspunkt Sankt Nicolas. Seinen richtigen Namen möchte der Barmann nicht verraten. „Als Tapas gibt es bei mir grundsätzlich Oliven, warum nicht Olivier“, fragt er grinsend.

Jetzt im Winter geht in der Woche gegen 20 Uhr auch hier bald das Licht aus. „Das ist das Schöne an diesem Job. Ich arbeite, wenn ich die Augen aufschlage, gegessen habe und munter bin. Wenn ich müde bin, schließe ich dir Bar, “ erzählt er auf Französisch mit leichtem arabischen Einschlag. Der Mitfünfziger spricht von allem ein bisschen.

„Normalerweise wird nicht geredet.“

Einheimische, Touristen, Austauschstudenten – da schnappte er über die Jahre so einige Sprachbrocken auf. Französisch, Arabisch, Spanisch und Englisch beherrscht der Barmann jedoch fließend. Im Gespräch mit Journalisten ist er nicht so offen. Das Diktiergerät betrachtet Olivier skeptisch. „Ich mache hier Geschäfte. Normalerweise wird nicht geredet.“

Arabisch fühlt er sich auch eher als muslimisch. „Ich wurde so erzogen, dass ich alle Religionen respektiere. Persönlich glaube ich, dass es eh nur einen Gott gibt. Wie wir ihn nun nennen, ist doch egal.“ Die Lachfalten um Oliviers dunkelbraune Augen zeigen, dass er das Leben nicht so schwer nimmt. Seine Freunde und Bekannte hat er in allen Konfessionen und politischen Richtungen: „Mich interessiert die Person, ich halte gern einen netten Plausch, doch Politik und Religion sind Privatsache. “ Dennoch sprechen ihn aufgrund seiner Herkunft muslimische Freunde immer wieder darauf an, warum er Alkohol ausschenke. „Die sollen nur reden, dafür biete ich keine Shisha an, wie die meisten Araber. Ich biete meinen Besuchern die Möglichkeit, sich zu entspannen. Ein Bier und eine Kleinigkeit zu essen bringen die Lebensgeister wieder zurück.“
Unter seinen Kollegen und muslimischen Freunden spielte Anschlag auf das Magazin Charlie Hebdo trotz der provokanten Karikaturen eine untergeordnete Rolle: „Natürlich ist das schrecklich, aber was sollen wir uns einen Kopf darüber machen? Die Ursachen liegen in der französischen Integrationspolitik.“ Nachdenklich streicht sich Olivier über das schütter werdende Haar. „In deren Privatleben lief doch etwas schief. Sowas verursacht doch keine Religion – solche Trauer, solchen Hass.“ Energisch trocknet er ein Bierglas ab und wiederholt: „Innen muss es stimmen. Wer satt und mit sich zufrieden ist, tötet nicht.“

“Wir sind doch hier auch Europa oder?“

In einer Stadt, in der die gotische Kathedrale im Zuge der Rückeroberungskriege durch die spanische Krone in die muslimische Stadt gezwängt wurde, runzelt der Barmann im hochgekrempelten Karohemd beim französischen Wort “islamisé” die Stirn. “Was soll das heißen: Ob Europa Angst vor der Islamisierung hat? Das ist eine Religion, die jeder für sich lebt. Kein Dogma!” Einen Moment lang bleibt sein Blick an einem der Alhambrabilder der Bar hängen. Olivier grinst: “Wir sind doch hier auch Europa oder? Also, Granada kommt mir nicht unbedingt überwiegend christlich vor, aber ich sehe darin auch keine Probleme.”

Gemeinsam mit seiner Frau betreibt er seit fünfzehn Jahren das Restaurant. In der linken Ecke, gleich neben der Tür über der gerahmten Olivenplantage steht ein kleiner Fernseher. Nelson Mandela hält gerade eine Rede. Erklärt wird auf Niederländisch. Olivier lacht. „Ich schaue gern Geschichtsfilme, aktuelle Politik interessiert mich weniger.“

„Hombre, wie geht’s dir?“ Ruft ein junger Mann mit Akzent von draußen zwischen Mandelas niederländischen Fernsehauftritt und Oliviers französische Erklärungen. Der Belgier trägt einen Stuhl auf dem Rücken, seine Vorderzähne fehlen. Am Tresen zieht er mit tintenbefleckten Händen eine Skizze der Alhambra aus seinem Rucksack hervor. Seit fünf Jahren kommt er jeden Dienstag in das kleine Restaurant. Wie er heißt und was er genau macht? „Keine Ahnung, aber er malt gut, “ gibt Olivier zurück.

Noch einige Jahre, dann möchte der Familienvater sich zur Ruhe setzen. „Dann gebe ich das alles hier zurück, miete mir in der Nähe eine kleine Wohnung mit meiner Frau und genieße mein Bier nur noch privat.“

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