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Wer wird Unterschriften-Millionär?

Prisca Merz aus Frankweiler hat vor einem Jahr eine Europäische Bürgerinitiative gestartet: „End Ecocide. Stoppen wir den Ökozid in Europa“! Das Projekt hätte sich die 26-Jährige niemals so schwer vorgestellt: Ihr fehlen noch sehr viele Unterstützer.

Von Larissa Rohr

Die EBI-Leiterin Prisca Merz spricht auf der  Veranstaltung „Hultecocide“ in London.  Fotograf: Hult Changemakers Society
Die EBI-Leiterin Prisca Merz spricht auf der Veranstaltung „Hultecocide“ in London.
Fotograf: Hult Changemakers Society

In Deutschland ist es schon kurz nach 22 Uhr, als Prisca Merz auf dem Computerbildschirm erscheint. Sie wirkt außer Atem, ist gerade erst von der Arbeit gekommen. Video-Konferenzen gehören für die 26-Jährige zum Tagesgeschäft. Sie koordiniert so ihr internationales Team – und das seit einem Jahr. Es begann auf einer Konferenz des Europäischen Studentenforums AEGEE. Die Pfälzerin erinnert sich genau: „Dort hat die Rechtsanwältin Polly Higgins von ihrem Vorhaben erzählt, weltweiten Ökozid und Umweltzerstörung zu einem Verbrechen gegen den Frieden zu erklären.“ Spontan hatte Merz die Idee, eine Europäische Bürgerinitiative zu starten, mit dem Ziel, dass erstmals Menschen für massive Umweltzerstörung haftbar gemacht werden können.

Die Möglichkeit einer Bürgerinitiative auf EU-Ebene wurde mit dem Lissabon-Vertrag geschaffen. Seit April 2012 kann jeder EU-Bürger einen Bürgerausschuss mit mindestens sieben Mitgliedern aus sieben Ländern gründen und eine Initiative formulieren. Dann hat der Ausschuss ein Jahr Zeit, insgesamt eine Million Unterschriften aus mindestens sieben Ländern zu sammeln. Sind alle Unterschriften komplett, stellt der Bürgerausschuss sein Vorhaben im Europäischen Parlament vor. Die Europäische Kommission entscheidet, ob daraus ein neuer Gesetzesvorschlag entsteht.

Klingt kompliziert – und allzu beeindruckend sind die Zahlen nach einem Jahr auch nicht: 14 laufende Initiativen, fünf zurückgezogene und eine, die im Februar die Millionenmarke überschritten hat. Ein pinkfarbenes Barometer auf der Homepage (http://www.endecocide.eu) der Ökozid-Bürgerinitiative zeigt die gesammelten Unterschriften an: knapp 25.500 nach den ersten vier Monaten. Bis 21. Januar 2014 läuft die Aktion noch. Prisca Merz ist eigentlich sicher, dass es in Europa 1 Million Menschen gibt, die ihr Vorhaben teilen. „Das Problem ist vielmehr: Wie erreichen wir die Menschen? Wir brauchen mehr Prominente, die unser Vorhaben unterstützen. Das sorgt für Glaubwürdigkeit“, meint sie.

Noch 7 Monate - und es fehlen fast 975.000 Unterschriften!  Foto: Larissa Rohr
Noch 7 Monate – und es fehlen fast 975.000 Unterschriften!
Foto: Larissa Rohr

Mit Flyern, über soziale Netzwerke oder Petitionsplattformen wollen die 70 aktiven Ehrenamtlichen so schnell wie möglich die Millionen-Hürde knacken. Angst, das ambitionierte Ziel nicht zu erreichen, schwingt bei der alltäglichen Arbeit immer mit. Doch auch an anderer Stelle drückt der Schuh: Fragt man die Pfälzerin nach den größten Hindernissen, sprudelt sie los. Sie erzählt von unzähligen Dokumenten, die ihr Team einreichen musste, von griechischen IP-Adressen, die das System nicht akzeptierte und von anderen Software-Fehlern. „Das Online-Unterschriften-Sammelsystem ist kompliziert. Die Bürger müssen viele Daten in die Maske eingeben. Und dies hält viele davon ab, online zu unterschreiben.“

Den ehrenamtlichen Arbeitsaufwand für ihr großes Projekt schätzt Prisca auf 30 Stunden pro Woche – neben ihrem Job als Referentin für internationale Angelegenheiten am „Imperial College“ in London. Die Frankweilerin ist überzeugte Europäerin. In Passau und im italienischen Pescara hat sie ihren Bachelor in „European Studies“ gemacht, in Maastricht hat sie den Master in „Public Policy and Human Developement“ drauf gesetzt. „Durch meine Arbeit im europäischen Studentenforum bin ich viel im Ausland rumgereist. Dadurch war Europa immer präsent für mich.“

Und wie denkt sie nun über die Europäische Bürgerinitiative? Kann sie wirklich zur Bildung einer europäischen Identität beitragen? Prisca Merz muss nicht lange überlegen. „Ich persönlich glaube, dass sich in unserem Team zwar eine europäische Identität gebildet hat. Aber bei den Menschen, die unterschreiben, bezweifle ich das.“

Der Text wurde in ähnlicher Fassung am 11. Mai 2013 in der Rheinpfalz veröffentlicht.

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