VWL-Professor Kenneth Chapman ruft zu differenzierterer Betrachtung auf. Foto: Hoppmann

VWL-Professor Kenneth Chapman ruft zu differenzierterer Betrachtung auf. Foto: Hoppmann

„Wir vertrauen der Regierung nicht

Das US-Gesundheitssystem hat in Europa einen schlechten Ruf. Zurecht?

Neulich war da wieder so ein Fall. Der Chef eines Pharmakonzerns kaufte die Rechte am Medikament Daraprim und erhöhte dann den Preis pro Pille von $13.50 auf $750. Über 5000 Prozent! Das Medikament kann für Kranke mit schwachem Immunsystem lebensnotwendig sein. Große Aufregung also. Sogar Hillary Clinton griff das Thema für ihren Präsidentschafts-Wahlkampf auf.

Rücksichtsloser Kapitalist will den Patienten ein lebensnotwendiges Medikament verwehren und ihre Abhängigkeit vom Medikament ausnutzen, um sich selbst die Taschen zu füllen. Typisch USA irgendwie. Der Markt steht über den Menschen.

Auch die Deutschen Medien griffen das Thema dankbar auf. Focus Online schrieb vom „gierigen Pharma-Chef, die Bild gar vom „meistgehassten Mann im Web. Auch die Welt und der Stern berichteten auf ihren Internetseiten. Da half es natürlich, dass es sich um einen ehemaligen Hedgefondmanager handelte, der auf seinem Twitter-Account gerne seinen Besitz der Öffentlichkeit präsentierte.

Wieder so ein Beispiel also, das den Eindruck in Europa verstärkt, im US-Gesundheitssystem läuft etwas ganz gewaltig schief. Und die Zahlen scheinen das auch zu belegen. Die USA geben in Relation zum Bruttoinlandsprodukt verglichen mit Westeuropa und Kanada am meisten Geld für das Gesundheitswesen aus. Trotzdem haben sie die niedrigste Lebenserwartung und die höchste Sterberate. Im Jahr 2012 waren immer noch knapp 40 Millionen US-Amerikaner ohne Krankenversicherung – darunter viele junge Erwachsene.

Die Kritik also gerechtfertigt? Im Daraprim-Fall sicherlich und auch insgesamt in weiten Teilen. Es hilft aber ein differenzierter Blick.

Kenneth Chapman ist VWL-Professor und lehrt Health Economics an der California State University, Northridge. Die Statistiken über Lebenserwartung und Sterberate hält er nicht für voll aussagekräftig. „Das ist kein fairer Vergleich, weil der Lebensstil nicht berücksichtigt wird. Und da gibt es große Unterschiede. Einige Teile von Europa haben einfach eine bessere Ernährung.“

Ob ein stärkerer Eingriff des Staates zu einer Verbesserung führen kann, hält Chapman ebenso für fraglich. Er sagt: „Es hat keinen Zweck so viele Regeln zu haben. Unsere Regierung ist nicht so effizient wie eure in Europa.“

Probleme mit Obamacare

Barack Obama wollte das ändern. Eine Änderung des US-Gesundheitssystems war eines seiner zentralen Wahlversprechen. Mit dem Affordable Care Act wurde im Jahr 2010 ein Gesetz verabschiedet, das bis dahin Unversicherten eine Krankenversicherung ermöglichen sollte. Schätzungen sagen voraus, dass die Anzahl von Amerikanern mit Krankenversicherung über das nächste Jahrzehnt um 30 Millionen ansteigt. Das schafft aber auch neue Probleme: Die ärztliche Grundversorgung wird schlechter, Wissenschaftler rechnen mit einem Ärztemangel.

Das mag erklären, warum ein großer Teil der Bevölkerung Obamacare weiter ablehnt. Chapman erklärt die Skepis in der Bevölkerung an Obamacare so: Die Art und Weise der Einführung sei nicht glücklich gewesen. Grundlegende Dinge – etwa die zugehörige Internetseite hätten nicht funktioniert. Es gibt auch einen generellen Grund: „Amerikaner vertrauen ihrer Regierung nicht. Wir sind für eine kleine Regierung aber die soll es dann auch gut machen.“

Weil die Republikaner die in den Bundesstaaten an der Macht sind, Obamacare blockieren kommt es zu seltsamen Situationen. „Es kann passieren, dass man zu arm für Subventionen der Regierung ist aber zu reich für die Subventions-Programme in den Bundesstaaten. Das ist bizarr“, sagt Chapman.

Doch es gibt sie, die good news, wie Chapman sie nennt. 75 Prozent der weltweiten Ausgaben in Forschung und Entwicklung von Arzneimitteln finden in den USA statt. Neue Technologien im Gesundheitsbereich haben ihren Ursprung häufig in den USA. Die Freiheit bei der Preisgestaltung schafft Investitionsanreize. In Kanada führten dagegen Preiskontrollen für verschreibungspflichtige Medikamante zu niedrigenren Preisen, Unternehmen entwickelten aber keine neuen Produkte mehr.

Der große private Sektor in den USA erlaubt Vielfalt – zumindest für die, die es sich leisten können. Und es gibt eine weitere gute Nachricht: Martin Shkreli, der Chef des Pharma-Konzerns, hat nach dem öffentlichen Aufschrei zugesagt, den Preis für Daraprim wieder zu senken.

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