Erasmus- Studenten besuchen den Weihnachtsmann. Foto: Pecikiewicz

Erasmus- Studenten besuchen den Weihnachtsmann. Foto: Pecikiewicz

Zu Besuch beim Weihnachtsmann

Wo wohnt der Weihnachtsmann? Wie schafft er es, in nur einer Nacht Geschenke an Kinder auf der ganzen Welt zu verteilen? Und was wünscht er sich eigentlich zu Weihnachten? Ein Besuch in Lappland bringt Überraschungen – und viele Enttäuschungen.

 

Am Polarkreis, sagt die finnische Tourismusbehörde, da wohnt der Weihnachtsmann. Genauer gesagt in Rovaniemi, einem verlassenen Ort in Lappland im Norden Finnlands. Einsam ist der Weihnachtsmann aber nicht. Erstens hat er Scharen von größtenteils weiblichen Wichteln um sich, außerdem strömen täglich hunderte Weihnachtsfans in das sogenannte Santa Claus Village.

 

Der Weihnachtsmann muss immer lächeln

Der einzig männliche Wichtel ist rollengemäß für die Technik zuständig: Er fotografiert die Besucher mit dem wohl berühmtesten alten Mann der Welt. Die anderen Wichtel versuchen den in der Warteschlange stehenden Touristen Wichtelmützen für das Foto zu verkaufen: “Elfify yourself! – 20€” lautet der Slogan, der am Flatscreen über der Kasse aufleuchtet. Ein Wichtel mit dem Namen Vanilla beantwortet wartenden Besuchern Fragen. Was der Weihnachtsmann macht, wenn er nicht für Touristenfotos posiert? Er sei nach so einem langen Tag sehr müde, also entspanne er sich abends gerne in der Sauna oder lese ein gutes Buch. Im Sommer gehe er oft Fischen. Dass der Wichtel die Wahrheit erzählt, merkt man spätestens im Souvenirshop. Postkarten zeigen den Weihnachtsmann beim Angeln in dem finnischen Seen (lokalpatriotisch), am Kamin (heimelig) und auf den Rentierschlitten (so, wie man es sich vorstellt).

 

Der Weihnachtsmann enttäuscht

Das Santa-Claus-Office, in dem der Weihnachtsmann Besucher empfängt. Foto: Pecikiewicz
Das Santa-Claus-Office, in dem der Weihnachtsmann Besucher empfängt. Foto: Pecikiewicz

Die Warteschlange wird immer länger, je näher der Nachmittag rückt. Sie windet sich um eine überdimensionale Uhr, an dem sich Zahnräder drehen und an dem ein Pendel hängt. “Das ist das Geheimnis”, sagt Wichtel Vanilla. “Das ist sein Erdzeit-Regulator. Am Weihnachtsabend dreht er die Zeit langsamer. Deshalb kommt Kindern das Warten auf Weihnachten auch so furchtbar lange vor, da die Zeit auch wirklich langsamer läuft.” Es klingt logisch, was Vanilla sagt, die Inszenierung ist perfekt. An einigen Stellen im Santa Claus Village bröckelt die Fassade aber. Hat man Santa immer für einen selbstlosen Wohltäter gehalten, überraschen einen die 40€ für das Foto mit ihm. Außerdem fragt man sich, wann er Zeit hat, Wunschzettel zu lesen und Geschenke zusammenzusuchen, wenn er doch dauernd mit Posieren und Touristen beschäftigt ist. In der Warteschlange hat man, wenn es schlecht läuft, fast eine Stunde Zeit um sich gerahmte Portraits anzuschauen, die der Weihnachtsmann mit Politikern, Schauspielern und Rockmusikern gemacht hat. Immer sieht er ein wenig anders aus, so als gebe es mindestens drei Weihnachtsmänner.

Die Galerie zeigt Santa mit Berühmtheiten aus aller Welt
Die Galerie zeigt Santa mit Berühmheiten aus aller Welt. Foto: Pecikiewicz

Der lebendige Beweis für diese fürchterliche Vermutung läuft einem zwischen Rentiergehege und offiziellem Weihnachtspost-Gebäude entgegen. Es ist tatsächlich ein zweiter Weihnachtsmann, denn der, den man für den echten hielt, schüttelt gerade amerikanischen Kindern zwischen Pappgeschenken die Hände. Zwei Weihnachtsmänner? Ein Schock für alle Kinder. Trotzdem kommen die Familien in Scharen. Im Postgebäude herrscht Gedränge. Ein jeder möchte Postkarten mit Stempel vom Polarkreis verschicken. Eine Frau kauft gleich 40 Stück. Zum Schreiben bleibt kein Platz. Also ab in das Café um die Ecke, wo man zwischen Santa- und Rentierburger wählen kann. Makaber. Aber auch das schreckt die vielen asiatischen und russischen Touristen nicht ab.

 

Der Weihnachtsmann ist vielbeschäftigt

Vor dem Café versucht eine russische Journalistin ein Interview ergattern. Vergeblich, denn für ein Interview mit dem Weihnachtsmann muss man vier Wochen zuvor das “Media Request Form” ausgefüllt haben. Das habe auch ich mir einfacher vorgestellt. Deshalb erreicht mich am 28. November folgende Mail:

 

“Hello Jana,

unfortunately interview is not possible on such a short notice.

Also this time of year it is not possible to organize in the middle of the day.

Kind Regards, Anna-Mari

Info-Tonttu Tiimi / Info Elf Team

Minttu, Anna-Mari & Eerika

Joulupukin Kammari / Santa Claus Office

info@santaclauslive.com”

Immerhin eines ist wahr, wie ich in Rovaniemi feststelle: Der Weihnachtsmann ist ein vielbeschäftigter Mann. Und freundlich ist er auch. Eine Frage, schaffe ich ihm nämlich zwischen Blitzlächeln und Händeschütteln zu stellen. Was wünscht sich der Weihnachtsmann eigentlich zu Weihnachten? “So wie Millionen von Menschen Frieden für die Welt. Und ein paar neue Wollsocken”, sagt Santa auf Englisch. Und einen finnischen Akzent hat er. Wenigstens das weiß ich nach meinem Besuch in Rovaniemi: Der Weihnachtsmann, oder einer von ihnen, ist bescheiden. Und er ist Finne.

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