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Zwischen Jobsuche und Lebensmittelhilfe

LYON. Frühere Firmeninhaber, alleinerziehende Mütter, Rentner und Studenten – aus allen gesellschaftlichen Schichten nehmen Menschen in Frankreich mittlerweile Lebensmittelhilfe und Alltagsberatung an. Diese Arbeit leisten die französischen Tafeln: neben kirchlichen Akteuren unterstützen auch die „Restos du cœur“, also die „von Herzen kommenden Restaurants“, arme Menschen im Alltag: unter anderem mit Lebensmitteln, Kleidern und Finanzberatungen.

Bild 1: „Guten Tag, Ihr Lächeln ist unsere Bezahlung. Danke, auf Wiedersehen und einen schönen Tag!“

Bild2: Die Ehrenamtlichen sprechen sich untereinander nur mit Vornamen an, es gibt keine Hierarchie. Das wichtigste Prinzip: Niemand beurteilt oder verurteilt jemand anderen.

Bild 3: Brot vom Vortag holen die Ehrenamtlichen jeden Morgen von Bäckern in der Region. Obst und Gemüse kommen oft aus den eigenen Gärten. Die restlichen Lebensmittel sind eigene Einkäufe sowie Spenden von Bürgern und Supermärkten.

 

„Es zeigen sich die Auswirkungen der Krise“, sagt Dominique Bon, Generalsekretär der Restos für die Region Rhône-Alpes, im Süden Frankreichs. „Die Hilfe dauert mittlerweile länger. Sie wird schwieriger.“ Die Zahl der Bedürftigen nimmt kontinuierlich zu und sie bleiben länger bedürftig. Im Kampagnenjahr 2012/2013 haben rund 960.000 Menschen Lebensmittel erhalten, in der aktuellen Kampagne sind es bereits über eine Million. 2007 waren es 700.000.

 

Die Restos existieren seit 1985; der französische Komiker Coluche gründete sie als Verein und wollte notleidenden Menschen helfen. Jedes Jahr verteilt diese französische Tafel meist von Ende November bis Anfang März Lebensmittel. Dafür haben sie leerstehende Gebäude angemietet oder gekauft, in denen sie auch Sprachkurse und die Finanzberatung anbieten. Ob jemand Lebensmittelhilfen bekommt, hängt von seinem Einkommen ab. Jeder muss schon bei der Anmeldung seine Einnahmen und Ausgaben offenlegen. Je nachdem wie viel Geld jemand zur Verfügung hat, entscheiden die ehrenamtlichen Helfer, wie viel Milch, Kartoffeln oder Eier er bekommt. Für die Kleiderspenden muss niemand seine finanzielle Situation preisgeben – die erhält jeder.

 

Dass längst nicht mehr nur Obdachlose und Asylsuchende um Hilfe bitten müssen, hat die französische Regierung bereits in ihrem Armutsbericht vom Dezember 2012 festgestellt. Die Finanzkrise von 2008 habe die Armut verstärkt und „ihr Gesicht verändert“. In die gleiche Richtung zeigen Zahlen des französischen Statistikamts Insee. Vor allem Personen, die in alleinerziehenden Familien sowie in Mehrkindfamilien leben, seien besonders von Armut betroffen, heißt es in einem Bericht aus dem vergangenen Dezember. So lebten 2011 den Angaben zufolge 8,7 Millionen Menschen in Frankreich unterhalb der Armutsgrenze von 977 Euro im Monat. Die Hälfte von ihnen hatte weniger als 790 Euro zur Verfügung.

 

Die „restos du cœur“ wollen armen Menschen dabei helfen, wieder zurück in die Gesellschaft zu kommen. Bei älteren Menschen fehlen oft die sozialen Kontakte, bei den Migranten mangelt es oft an der Sprache und bei einigen Arbeitslosen fehlt die berufliche Ausbildung.

 

In vielen Regionen wie in Rhône-Alpes bieten die Restos sogenannte Ateliers an. Diese sind eine Art Lehrwerkstätten. Die französische Arbeitsagentur schickt ihnen Arbeitssuchende, die zu Gärtnern, Logistikern, Handwerkern für Renovierungsarbeiten und Anbauern von Obst und Gemüse ausgebildet werden. Zwischen acht und neun Angestellte sind das in jedem der vier Ateliers. Ohne die Ehrenamtlichen und die Spenden, wäre das nicht möglich. „Die Gärtner haben es schwieriger danach eine Arbeit zu finden, bei den Logistikern geht das viel schneller“, erklärt die Vereinspräsidentin der Region Rhônes-Alpes, Catherine Ruscica.

 

Die aktuelle Arbeitslosenquote liegt in Frankreich bei 10,9 Prozent (Stand: Dezember 2013). Deutschland liegt laut Eurostat um einiges niedriger (5,1 Prozent), wohingegen die Quoten in Griechenland (27,8 Prozent) und Spanien (25,8 Prozent) am höchsten liegen. Frankreich bewegt sich nah am europäischen Schnitt (12 Prozent).

 

In der Bretagne, im Nordwesten Frankreichs, brechen vor allem Jobs in der Agrarindustrie weg. Die Exportsubventionen der EU wurden kontinuierlich weniger, im vergangenen Juli hatte die EU-Kommission beschlossen, sie vollständig abzuschaffen. Die konservative Wochenzeitschrift „Le Point“ sprach im Oktober von einem „ökonomischen Desaster“ in der Bretagne und gab Schätzungen an, nach denen 8.000 Arbeitsplätze in der Agrarindustrie wegfallen würden. Die Regierung kündigte zwei Milliarden Euro Hilfen an, um unter anderem die Geflügelindustrie und den Wohnungsbau zu unterstützen.

 

Die Franzosen zeigen sich unterdessen immer unzufriedener mit ihrer Regierung. Die Umfragewerte François Hollandes sind seit Monaten im Tief. In einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop haben 27 Prozent der Befragten eine gute Meinung von ihm, 72 eine schlechte.

 

Derweil versuchen die „restos du cœur“ jeden gespendeten Euro in zu investieren. In einigen Regionen werden auch die ehrenamtlichen Helfer knapp. Vor dem Problem steht Rhônes-Alpes noch nicht. Doch könnte das der Fall sein, wenn die Zahl der Bedürftigen weiter steigt. Patrick Leroux leitet eines der größten Zentren in der Region. Rund eintausend Familien haben sie im vergangenen Jahr mit knapp 100 Ehrenamtlichen unterstützt. „Wir brauchen 25 bis 30 Ehrenamtliche pro Tag“, sagt er, „früher hatten wir nur drei halbe Tage in der Woche geöffnet, mittlerweile sind es sieben.“

 

Info:  Armut in Europa

Deutschland und Frankreich unterscheiden sich, was die Armutsbedrohung angeht, nicht allzu sehr voneinander. 2011 hatten laut Statistischem Bundesamt rund 13 Millionen Menschen in Deutschland weniger als 980 Euro im Monat. Im Jahr 2012 waren dem Europäischen Statistikamt Eurostat zufolge 19,6 Prozent der Bevölkerung in Deutschland und 19,1 Prozent der Bevölkerung in Frankreich von Armut bedroht. Im Durchschnitt ist ein Viertel aller EU-Bürger nah an der Armutsgrenze. Am stärksten trifft es die Bulgaren (49,1 Prozent), die Rumänen (40,3 Prozent) und die Letten (36,6 Prozent).

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